Armuts­gipfel 2025

Armut in Hamburg im Fokus: Wege in eine gerechte Zukunft

Erster Hamburger Armutsgipfel setzt sozialpolitische Impulse

Mehr als 180 Interessierte diskutierten im Oktober auf dem ersten Hamburger Armutsgipfel im Haus der Patriotischen Gesellschaft, wie gesellschaftliche Teilhabe für armutsbetroffene Menschen verbessert werden kann. Eingeladen hatten der Sozialverband Deutschland (SoVD), der Mieterverein zu Hamburg, der DGB und Der Paritätische.

Während in den Räumen der Patriotischen Gesellschaft in der Mehrzahl Akademiker und gut situierte Menschen über Armut diskutierten, brachte Erika Heine als einzige obdachlose Teilnehmerin eine persönliche Perspektive ein. Erika Heine berichtete von ihrem Alltag, der wenig mit dem der Anwesenden zu tun hat: „Ich lebe in einer anderen Realität als die meisten Menschen.“ Heine beklagte, dass Betroffene fast nie zu Veranstaltungen zu Armut und Obdachlosigkeit eingeladen würden, „dabei gibt es ohne uns keine Lösung des Problems“.

Klaus Wicher vom SoVD Hamburg wies darauf hin, dass Armut nicht nur Randgruppen betrifft: „Jedes vierte Kind und jeder fünfte Einwohner in unserer Stadt gelten bereits jetzt als arm. Die Herausforderungen unserer Zeit verlangen uns immer mehr ab – Inflation, steigende Arbeitslosigkeit, die Streichung von staatlichen Förderungen für neue Berufs- und Lebensperspektiven führen dazu, dass immer mehr Menschen, auch aus dem Mittelstand, immer weniger von ihrem Geld haben. Armut ist schon lange kein Randphänomen mehr!!“

Besonders brisant ist das Thema Wohnen. Mietervereinschef Rolf Bosse hob hervor, dass Armut und Reichtum immer weiter auseinanderdriften: „So kann es nicht weitergehen! Es ist die Aufgabe eines demokratischen Staats, angemessene Lebensverhältnisse für alle zu schaffen. Dazu gehört die angemessene Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum.“

Die Beseitigung von Armut sei keine Mildtätigkeit gegenüber den Betroffenen, sondern finde im wirtschaftlichen Interesse unserer Gesellschaft statt, sagte Bosse. Der Staat müsse Wohnraum sichern und Armut als gesellschaftliches Problem anerkennen.

Auch der Arbeitsmarkt trage zur Armut bei, betonte Tanja Chawla vom DGB Hamburg. Sie kritisierte Minijobs, prekäre Arbeit und Langzeitarbeitslosigkeit als Ursachen dauerhafter Armut. Die Diskussion über Bürgergeldempfänger lenke ab, denn: „Nur 0,4 Prozent verweigern zumutbare Arbeit. Gleichzeitig steigt die Zahl der Einkommensmillionäre.“

Ulrich Schneider, der ehemalige Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, sprach von einem „beispiellosen Sozialabbau“, schlimmer noch als zu Hartz-IV-Zeiten. Der Verteilungskampf werde härter – mit Diffamierungen gegenüber denen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Falsche Behauptungen, etwa über Einsparpotenziale beim Bürgergeld oder massenhafte Arbeitsverweigerung, würden gezielt gestreut und beeinflussten die öffentliche Meinung. Dabei sei der Sozialstaat durchaus finanzierbar: Der Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt liege stabil bei über 31 Prozent. Schneider warnte auch vor den Folgen der Armut: gesundheitliche Probleme, geringe Bildungschancen. In Deutschland hänge Bildung stark von sozialer Herkunft ab: 75 Prozent der Akademikerkinder besuchten ein Gymnasium, aber nur 25 Prozent der Kinder aus Arbeiterfamilien. Schneider selbst stammt aus der „Arbeiterklasse“: „Wir hatten zwar keinen Brockhaus, aber doof waren wir auch nicht.“ Er forderte eine Erhöhung des Bürgergelds um 44 Prozent auf 813 Euro und einen Mindestlohn von 15 Euro.

Warum diese Veranstaltung?

  • Weil Armut nicht nur eine Zahl in der Statistik ist – sondern ein täglicher Kampf ums Leben in Würde.
  • Weil wir überzeugt sind: Eine gerechte Stadt ist eine starke Stadt.
  • Und weil wir wissen: Veränderung beginnt mit Dialog – und mit Verständigung.

Lesen Sie mehr dazu in der Dokumentation des Armutsgipfels 2025.

Kernbotschaften der Abschlusserklärung

  • Bezahlbares Wohnen ist nicht nur ein Menschenrecht, sondern auch Bedingung für wirtschaftliche Prosperität. Es politisch sichern heißt, die Zukunft sichern.

  • Soziale Gerechtigkeit ist Grundvoraussetzung für demokratische Teilhabe.

  • Eine wirtschaftliche, berufliche und betriebliche Teilhabe muss für alle Menschen ermöglicht werden.

  • Armut bekämpfen heißt Zukunft gestalten – durch erhöhte Investitionen in Bildung, Infrastruktur, gute Arbeit und soziale Sicherung.

  • Die Veranstaltenden fordern eine neue soziale Agenda für Hamburg, die Armut systematisch und nachhaltig bekämpft. Diese soziale Agenda muss schnell und unter Beteiligung der Zivilgesellschaft gefasst werden.